Die Verbindung von Innovationsmanagementsystemen mit Futures Literacy: Ein Weg in die Zukunft

Von Dennis Böcker und Antje Bierwisch

Entdecke, wie Innovationsmanagementsysteme nach ISO 56001 und Futures Literacy zusammenwirken, um Unsicherheiten in Chancen zu verwandeln. Dieser Artikel zeigt, warum Zukunftskompetenzen für nachhaltige Innovation entscheidend sind und wie du sie gezielt einsetzen kannst, um dein Unternehmen strategisch weiterzuentwickeln. 

Innovationsmanagementsysteme nach ISO 56001

Innovationsmanagementsysteme, insbesondere solche, die sich an der ISO 56001 orientieren, bieten einen strukturierten Rahmen zur Förderung und Umsetzung innovativer Ideen. Diese Systeme stellen sicher, dass Innovation nicht dem Zufall überlassen bleibt, sondern ein reproduzierbarer und strategischer Prozess ist. Durch die Standardisierung von Prozessen können Organisationen ihre Innovationsbemühungen systematisch verbessern, sie mit den Unternehmenszielen in Einklang bringen und in einem disruptiven Markt wettbewerbsfähig bleiben.

 

Doch um in der Zukunft wirklich erfolgreich zu sein, müssen sie auch das Konzept der Futures Literacy, wie es vom UNESCO Chair for Futures Capability for Innovation and Entrepreneurship  gefördert wird, annehmen. Weitere Informationen zu den Aufgaben und dem Scope des UNESCO Chair finden sich hier: https://research.mci.edu/en/unesco-chair-futures-capability.

 

Dieser Blog untersucht die Schnittstelle dieser beiden kritischen Bereiche und zeigt auf, wie sie gemeinsam nachhaltige Innovationen vorantreiben können.  

Die großen Herausforderungen unserer Zeit, die durch politische, sozioökonomische und technologische Veränderungen geprägt sind, tragen zu wachsender Komplexität und Unsicherheit bei. In einer Welt von stetigem Wandel und globalen Multikrisen wird eine neue Kompetenz auf der individuellen und organisationalen Ebene benötigt, die Futures Literacy.

 

Futures Literacy – im Deutschen die „Zukünftegestaltungskompetenz“ – wird von der UNESCO als eine zentrale Fähigkeit für das 21. Jahrhundert anerkannt, die jede einzelne Person befähigt, ihre Vorstellungskraft, Kreativität und systemisches Denken einzusetzen, um aufkommende und komplexe Veränderungen zu antizipieren und darauf aktiv reagieren zu können. Sie ermöglicht es uns, über bestehende Denkmuster hinauszudenken, Innovationspotenziale frühzeitig zu erkennen und Organisationen sowie Gesellschaften widerstandsfähiger und zukunftsorientierter zu machen. Die Menschen werden in die Lage versetzt, positive Bilder und kreative Lösungen mitverantwortlich zu entwickeln.  

Die Rolle der Futures Literacy

Futures Literacy verstehen wir als Meta-Kompetenz, die aus einer Vielzahl an Teilkompetenzen besteht, insbesondere die antizipatorische, reflexive, kreative, systemische und transformative Kompetenz stehen für das spezifische Charakteristikum, offen für Zukünfte zu sein. Sie ermöglicht es, sich bewusst mit Unsicherheit auseinanderzusetzen, alternative Zukunftsbilder zu entwickeln und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, deren Folgen sorgfältig reflektiert und bewertet werden. Dabei spielt die Bereitschaft, kontinuierlich zu lernen und sich an neue Erkenntnisse anzupassen, eine zentrale Rolle.  

 

Futures Literacy ist eng verbunden mit der Theorie der Antizipatorischen Systeme von Roberto Poli. Antizipation unterscheidet sich dabei von Vorhersage, da sie verschiedene mögliche Zukünfte erkundet, anstatt eine spezifische Zukunft vorherzusagen. Da Futures Literacy auf dem Verständnis basiert, dass die Welt ein komplexes, dynamisches System ist und wir davon ausgehen, dass die Zukunft nicht objektiv gegeben ist, sondern durch individuelle und kollektive Vorstellungen konstruiert wird, sind die Komplexitätstheorie und der Konstruktivismus ebenfalls eng mit Futures Literacy verbunden.

Elemente und Theorie der Futures Literacy

Durch Herausforderungen wie Klimakrise, soziale Ungerechtigkeiten, geopolitische Zerwürfnisse und andere Veränderungen kann unser Bild der Zukunft schnell ins Wanken kommen. Pessimismus und Hoffnungslosigkeit sind mögliche Folgen, die sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene zu Verzweiflung und Resignation führen können. Mit Futures Literacy als Fähigkeit wird die Zukunft bewusst und reflektiert als Raum der Möglichkeiten wahrgenommen und genutzt.

 

Futures Literacy unterstützt dabei, verbreitete Zukunftsvorstellungen kritisch zu hinterfragen, verborgene Annahmen zu erkennen und Unsicherheiten zu reduzieren. Sie befähigt uns nicht nur, resilienter mit Ungewissheit umzugehen, sondern bessere Entscheidungen im Hier und Jetzt zu treffen und aktiv eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Futures Literacy fördert insbesondere antizipatorische, reflexive, kreative und systemische Kompetenzen. Antizipatorische Kompetenz ist hierbei als Fähigkeit zu sehen, zukünftige Ereignisse oder Entwicklungen vorherzusehen und sich darauf vorzubereiten. Es ist die Fertigkeit, aufgrund von Erfahrungen, Wissen und Beobachtungen mögliche Szenarien zu erkennen und entsprechend zu handeln.

 

Diese Kompetenzen stärken das individuelle aber auch das kollektive Zukunftsdenken. Zukunftsdenken ist ein kreativer und explorativer Prozess, der divergentes Denken einsetzt, viele mögliche Antworten sucht und Ungewissheit anerkennt. Divergentes Denken versteht sich als eine Art des kreativen Denkens, bei dem man viele verschiedene Ideen oder Lösungen für ein Problem entwickelt. Es ist wie ein Brainstorming im Kopf. Anstatt nach der einen „richtigen“ Antwort zu suchen, lässt man den Gedanken freien Lauf und sammelt möglichst viele unterschiedliche Ideen.

 

Unter den vielen Instrumenten und Methoden für die Arbeit mit Zukünften ist das Futures Literacy Lab eine spannende Methode, bei der die Teilnehmenden wahrscheinliche, wünschenswerte und alternative Zukünfte zu einem bestimmten Thema entwerfen. Es besteht aus den folgenden drei Phasen:

  • Revealing: Bestehende Zukunftsvorstellungen werden erkannt und überdacht 
  • Reframing: Neue, bisher nicht bedachte Zukünfte werden durch kreative Methoden entwickelt 
  • Rethinking: Neue Handlungsmöglichkeiten für die Gegenwart werden abgeleitet  

Futures Literacy stärkt unsere Fähigkeit, heute sinnvolle Entscheidungen für morgen zu treffen. 

Die Bedeutung von Futures Literacy für das Individuum

Die Bedeutung von Futures Literacy für die Organisation 

Aufgrund der rasanten Veränderungen müssen wir die Art, wie wir Innovation und unternehmerischen Erfolg denken, ebenfalls anpassen. Linearität und Planbarkeit sind Konzepte, die für die „neue“ Welt nicht mehr passfähig erscheinen. Stattdessen müssen wir:

  • Unsicherheiten als Chance sehen 
  • Aktiv nach neuen Geschäftsmöglichkeiten suchen 
  • Nachhaltige Strategien entwickeln 
  • Die Zukunft als Raum für Innovation nutzen.

Zukünfte denken (das Arbeiten mit Zukünften) hilft Organisationen, aus der Pfadabhängigkeit auszubrechen, Entscheidungsträgern bei der Festlegung von besseren Handlungsoptionen zu helfen und damit letztendlich Wettbewerbsvorteile ermöglicht. Wer Unsicherheiten produktiv nutzt, frühzeitig Innovationspotenziale erkennt und flexible Zukunftsszenarien entwickelt, ist langfristig erfolgreicher. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Unternehmen, die das Arbeiten mit Zukünften aktiv nutzen (Corporate Foresight) sich als Outperformer in der Branche entwickeln und im Vergleich eine überdurchschnittliche Rentabilität und ein überdurchschnittliches Wachstum der Marktkapitalisierung erzielen (Rohrbeck & Kum 2018).  

 

Fazit und Handlungsaufruf

Der Blick in die Zukunft zeigt, dass die Synergie zwischen Innovationsmanagementsystemen und Futures Literacy eine große Chance darstellt, Organisationen wirklich zukunftsfähig zu machen. Durch die Annahme dieser Ansätze können Unternehmen sicherstellen, dass ihre Innovationsstrategien sowohl strukturiert als auch visionär sind. Der Einsatz von KI und datengetriebenen Modellen verstärkt diese Synergie, indem er präzisere Voraussagen ermöglicht und die Effizienz der Innovationsprozesse erhöht. Unternehmen, die diese Ansätze integrieren, sind besser gerüstet, um den Herausforderungen der Zukunft proaktiv zu begegnen und sich im Wettbewerb abzuheben. 

Integration von Innovations Management System (IMS) und Futures Literacy

Wenn man IMS mit Futures Literacy verbindet, kann das die Art, wie Organisationen an Innovation herangehen, grundlegend ändern. Durch diese Kombination können Unternehmen:

  • Ihre Fähigkeit zur strategischen Vorausschau verbessern 
  • Eine widerstandsfähige Innovationskultur entwickeln, die zukünftige Veränderungen voraussieht und sich anpasst 
  • Kreative Problemlösungen fördern, die von Zukunftsszenarien beeinflusst sind 

Fallbeispiele zur Anwendung der Futures Literacy im Innovationsmanagement

Das oben genannte Futures Literacy Lab kann als Methode herangezogen werden, um verschiedene Szenarien zur Zukunft eines Themas wie zum Beispiel Mobilität 2040 zu entwickeln. Statt ausschließlich auf aktuelle und bestehende Markttrends zu reagieren, erkundet man alternative Entwicklungen, wie z. B. autonome Lieferdrohnen, nachhaltige Mobilitätslösungen oder ein rechtliches Verbot, das die Nutzung von Pkws für Strecken unter 50 km verbietet. Dieses antizipatorische Vorgehen ermöglicht es dem Unternehmen auf Basis der Szenarien, proaktiv neue Produktideen zu entwickeln und sich als Innovator im Bereich urbaner Mobilität zu positionieren.

 

Das Szenario für ein mittelständisches Lebensmittelunternehmen könnte wie folgt aussehen. Es nutzt Futures Literacy, um seine Innovationsstrategie im Bereich nachhaltiger Ernährung zu stärken. Aktuell führt das Unternehmen ein Futures Literacy Lab durch, in dem Teams Szenarien zur Zukunft der Ernährung entwickeln und gezielt auf Weak Signals achten, die auf kommende Veränderungen hindeuten könnten.

 

Mögliche Weak Signals: 

  • Veränderungen im Konsumverhalten: Erste Hinweise darauf, dass immer mehr Konsument:innen gezielt nach klimafreundlichen und regionalen Produkten suchen. 
  • Regulatorische Initiativen: Entwürfe neuer EU-Vorschriften zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen und zur Förderung nachhaltiger Verpackungen. 
  • Technologische Entwicklungen: Fortschritte in der Zellkultivierung für Fleischalternativen und neue Technologien zur Verlängerung der Haltbarkeit frischer Lebensmittel. 
  • Soziale Trends: Aufkommende Bewegungen in sozialen Medien, die „Low-Waste-Küche“ oder „Regenerative Ernährung“ propagieren. 
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse: Erste Forschungsergebnisse, die die positiven Auswirkungen alternativer Proteinquellen auf die Umwelt belegen. 

Eine mögliche Umsetzung im Innovationsmanagement kann wie folgt aussehen. Das Unternehmen nutzt diese Weak Signals, um innovative Produktideen wie klimaneutrale Snacks, regenerative Meal Kits oder kompostierbare Verpackungslösungen zu entwickeln. Die Antizipation solcher Signale ermöglicht es dem Unternehmen, frühzeitig auf aufkommende Trends zu reagieren und sich als Vorreiter im Markt zu etablieren. Durch die systemische Kompetenz wurden neben ökonomischen auch ökologische und soziale Auswirkungen reflektiert. Die Umsetzung der Ideen würde zu einer nachhaltigen Umsatzsteigerung und einer stärkeren Resilienz gegenüber saisonalen Schwankungen führen. 

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Impressum   Kontakt   Datenschutzerklärung

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.